Manchmal, wenn Gott singt, öffnet sich die Tür ganz leise – Predigt zur Verabschiedung von Kantor Konrad Paul

Verabschiedung Konrad PaulManchmal, wenn sie, er, Gott, singt, öffnet sich die Tür, ganz leise. Einen Spalt nur, oder ganz weit, wer weiß das schon? Kein Scharnier, das knarrt, kein Geräusch, das uns aufschrecken lässt. Nur Augen, die sehen und Ohren, die hören, wenn die Bitterkeit sich leise von dannen stiehlt und Sehnsucht einen Augenblick lang zur Ruhe kommt. Traurigkeit, die verweht. Herzen, die leichter werden.

Manchmal öffnet sich die Tür ganz leise. Einen Spalt nur oder ganz weit. Lieber Konrad, erinnerst du dich ? Liebe Gemeinde, erinnern Sie sich vielleicht ? Was wir gerade gehört haben, war der Predigtbeginn zur Einführung von Konrad Paul. Im Oktober 2005. 13 Jahre ist es her…..

Und in meinem Erleben, und sicherlich im Erleben sehr vieler von uns hat es sich bewahrheitet: Türen haben sich geöffnet in der Musik. Für die Chorsingenden und die Zuhörenden, in den großen Konzerten kleine Gänsehautmomente, beim Orgelvorspiel im Gottesdienst das Gefühl, getragen zu sein, beim Liedersingen Gemeinschaft, die einen freundlich stimmte, bei Uraufführungen Herausforderungen, die den Blick und Hörgewohnheit weiteten, in unserer gemeinsamen Revue gegenseitiges Chorentdecken und gemeinsames Lachen. Und – so vieles wäre noch zu erzählen- Doch in allem- Manchmal, wenn Gott durch uns, durch euch, durch dich, Konrad, gesungen hat, öffnete sich eine Tür, ganz leise, einen Spalt nur oder ganz weit.

Türen öffnen und geöffnete Türen entdecken: das ist der Grund, warum wir Gemeinde, Kirche sind.

Darum geht es, wenn wir von Gott reden und darum geht es auch in der Musik. Unser Erzählen von Gott, unser Gesang und unser Musizieren weist auf die offene Tür zu Gott, verwebt das eigene Empfinden mit Tieferem und Weiterem, will Türen von Mensch zu Mensch öffnen, und lenkt Sehen, Hören und Staunen auf das klingende Schöpfungswerk.

In dieser dreifachen Wirkung hat Martin Luther besonders die Musik geschätzt, sie sei die Schwester der Theologie. So sagte er:„Ich wünschte gewiss von Herzen, dass jeder die göttliche und vortreffliche Gabe der Musik lobte und priese. Ich werde von der Menge und Größe ihrer guten Eigenschaften so überschüttet, dass ich weder Anfang, Ende noch Maß meiner Rede finden kann.“ Manches hat Luther einfach schön gesagt, auch wenn er zu Recht in anderen Aussagen sehr umstritten ist. Die Musik als Schwester der Theologie: Singen und Erzählen gehen Hand in Hand, Predigen und Orgelspiel ergänzen sich, Text und Komposition treten in Dialog, und auch das Gitarrenspielen auf der Konfi-Freizeit bereichert das Entdecken biblischer Geschichten. Die Kirchenmusik- in aller Vielfalt der Ausdrucksformen- hat Verkündigungscharakter, sie ist Auftrag der Gemeinde, der Kirche, genauso wie unser Reden, genauso wie unser Handeln.

Oreglpfeifen - Verabschiedung Konrad PaulIm jüdischen Glaubensbuch, unserem sogenannten Alten Testament ist Singen und Musizieren ein wesentlicher Ausdruck des Glaubens. Psalmen jubilieren voll Gotteslob, Miriam tanzt und singt das Lied der Befreiung, die Propheten fassen ihre Trauer und Verzweiflung in Klagelieder, Jona sang sich im Bauch des Fisches Mut zu, doch auch im Neuen Testament, in den Briefen, erhält die Musik ihren eigenen Stellenwert. Im Kolosserbrief, wir haben Verse davon eben in der Lesung gehört, heißt es zum Beispiel im Vers 16: „Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.“ Diese Worte gelten als „Einsetzungsworte“ der Kirchenmusik. Denn Gesang und Musizieren werden dem Wort Christi, dem Wort Gottes zugeordnet. Das Wort, das reichlich unter uns wohnen will. Was für eine schöne Vorstellung! Das Wort Gottes wohnt unter uns. Es ist bei uns zu Hause, es schafft uns ein Zuhause. Und das reichlich. Mehr als ausreichend.

Das ist ein Verwöhnsatz, liebe Gemeinde. Umfassend, versorgend wohnt Gottes Wort unter uns. Warum merken wir oft so wenig davon? Vielleicht weil wir zu wenig davon zulassen. „Lasst das Wort Gottes unter euch wohnen“, so beginnt diese Sätze. Lasst es unter euch wohnen im gegenseitigen Lehren und Lernen, im gegenseitigen Hinweisen und Sich Aufmerksam Machen auf das, was weise ist. Das ist ein gut protestantischer Satz. Auf Augenhöhe geschieht Begegnung, was menschlich „von oben“ angeordnet wird, ist zu hinterfragen, was gut und angemessen weise ist, gilt es im gemeinsamen Suchen und Finden und Ausprobieren und wieder Neu Suchen zu entdecken. Vor allem aber: „Und über allem aber zieht die Liebe an, die das Band der Vollkommenheit ist“, so wie es im Lesungstext heißt, damit das Wort Gottes unter euch Wohnung findet. Die Liebe verwehrt sich gegen jede Selbstgerechtigkeit, gegen jede Überheblichkeit, sie lässt Konflikte lösbar sein, die Liebe lässt uns reden und erzählen und -sie lässt uns singen und musizieren. In Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern wird dem Wort Gottes, der Liebe, die Tür geöffnet. Reichlich, vielfältig, in großen Oratorien, in vor sich hin gesummter Fröhlichkeit, im lachenden Kinderlied, an der Orgel, am Schlagzeug, im Pfeifen, das den Ton nicht trifft, in bachscher Harmonie, in den Klängen ferner, naher Länder… In Dankpsalmen und manchen stummen Klageliedern, im Lobpreis und stammelndem Ton der Trauer, im Gemeindegesang und im Zuhören auf die je eigene Lebensmelodie, in der Gott unser Herz berührt.

Manchmal, wenn sie, er, Gott, singt, öffnet sich die Tür, ganz leise. Einen Spalt nur, oder ganz weit, wer weiß das schon? Aber immer wird es reichlich sein, das Wort Gottes, das unter uns wohnen wird. Und uns bergen, ermutigen, bestärken wird. Und uns mit Liebe verbindet. Ob in Münster oder in Oberhausen. Amen.

Pfarrerin Ilona Schmitz-Jeromin

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