Spätbarocke Klänge – Gedanken des Kantors Klaus Müller

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Ehemaliger Kantor
Klaus Müller

Das vernichtende Gutachten des Orgelsachverständigen Günther Eumann zum Zustand des Vorgängerinstrumentes aus den fünfziger Jahren machte den Weg frei für die Planung eines Orgelneubaus in der Evangelischen Christuskirche Alt-Oberhausen. Viele Aspekte gab es dabei zu berücksichtigen. Es galt nun, den geeigneten Orgeltyp für die spezifische Akustik der Christuskirche zu suchen. Die Kirchenakustik ist für kirchenmusikalische Aufführungen hervorragend geeignet. Vor allem die komplizierte, polyphone Musik, egal ob in größerer oder kleinerer Besetzung, ist an jeder Stelle des Raumes absolut transparent hörbar. So vermag eine Blockflöte den Raum ebenso zu füllen wie ein ganzes Orchester. Für die vielfältigen klanglichen Möglichkeiten im Orgelbau ist dies ein entscheidender Vorteil.

Doch in welche klangliche Ausrichtung sollte das Instrument gehen? Jede Zeit und jede Region brachte schließlich ihren spezifischen Orgeltyp hervor. Die Nach-kriegsjahre waren noch von der Orgelbewegung der dreißiger Jahre geprägt und produzierten meist neobarocke Instrumente mit einem sehr obertönigen und spitzen Klangbild. In den siebziger Jahren versuchte man dann sogenannte Universal-Orgeln zu konstruieren. Diese sollten die ganze Palette der Orgelmusik spielbar machen – ein schier unmögliches Unterfangen. Die achtziger und neunziger Jahre standen dann ganz im Zeichen der französisch-symphonischen Schule. Oftmals vergaß man allerdings, auf die Räumlichkeiten Rücksicht zu nehmen. So stellte man zum einen symphonische und klanggewaltige Instrumente selbst in kleine Kirchen mit trockener Akustik. Zum anderen baute man neobarocke Instrumente mit feinem und durchsichtigem Klang in große Kathedralräume. In Oberhausen finden sich derzeit mehrere Universal-Orgeln, einige neobarocke Instrumente und auch zwei sehr gelungene Instrumente französischer Prägung. Möchte man also Orgelmusik von Francois Couperin oder Cesar Franck stilgerecht aufführen, ist dies in unseren katholischen Nachbargemeinden möglich. Ein geeignetes Instrument für die adäquate Wiedergabe der Blütezeit der „evangelischen” Orgelmusik mit den Werken Johann Sebastian Bachs und seiner Zeitgenossen sucht man dagegen bisher vergebens.

Aus diesen Erwägungen heraus entstand für den Orgelneubau in der Christuskirche der Gedanke, ein rein mechanisches Instrument zu konzipieren, dass reich an durchsichtigen Klangfarben ist und sich daher in erster Linie für die polyphoneMusik Bachs und seiner Zeitgenossen eignet. Darüber hinaus sollten sich die einzelnen Register aber auch sehr gut mischen lassen, um so der Orgelmusik der deutschen Romantiker ein wenig entgegenzukommen. Blickt man zurück in die reiche Geschichte des Orgelbaus entspräche dies dem Klangideal einer mitteldeutschen Orgel des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Diese spätbarocken Orgeln waren von ihrer technischen Anlage her absolut ausgereift und zuverlässig. Sie nahmen schon erste Ansätze eines späteren romantischen Orgelbaus auf, indem sie die Grundtönigkeit der Werke gegenüber den sehr hellen frühbarocken Instrumenten verstärkten und auch sogenannte Streicher-Register, wie die charaktervolle „Gambe” oder den schlanken „Salicional” hinzufügten. Felix Mendelssohn Bartholdy, ein früher Vertreter der deutschen Romantik, hat auf diesen Orgeln gespielt und seine Orgelwerke dafür geschrieben.

Die neue Orgel in der Christuskirche verbindet nun diese spätbarocken Klangideale mit den akustischen Gegebenheiten des Raumes. Sie greift aber auch Elemente der Vorgängerorgeln, wie z.B. die sensible mechanische Spieltraktur oder die dreimanualige Werkverteilung auf Hauptwerk, Rückpositiv, Echowerk und Pedal auf. So war schon die erste Orgel der Christuskirche, 1876 von der Wuppertaler Orgelbaufirma Ibach erbaut, ein rein mechanisches Instrument mit 21 Registern verteilt auf zwei Manuale und Pedal. Das Instrument wurde jedoch schon 1908 umgebaut und die mechanische Traktur gegen eine pneumatische ersetzt. Dies brachte eine störende Zeitverzögerung der nun unsensiblen Spieltraktur mit sich. Kirche und Instrument wurden im zweiten Weltkrieg zerstört. Die Orgelbaufirma Stahlhuth aus Aachen bereicherte die in den Nachkriegsjahren in schlichter Weise wiederaufgebaute Christuskirche um ein dreimanualiges Instrument, das den Raum durch die Aufteilung des Orgelwerkes in ein Hauptgehäuse und ein in die weitausladende Emporenbrüstung hineingebautes Rückpositiv architektonisch und klanglich belebte. Dieses Instrument wurde mit einer anfälligen elektro-pneumatischen Spiel-und Registertraktur sowie einem nach oben offenen Gehäuse versehen. Es versagte seinen Dienst schon nach gut vierzig Jahren.

Das Konzept für den Orgelneubau stellt eine Synthese der guten Ansätze der Vorgängerinstrumente mit den Errungenschaften des heutigen, an die barocken Grundsätze angelehnten, Orgelbaus dar. Die Spieltraktur ist wie beim ersten Instrument rein mechanisch angelegt. Um das aufwendige Umregistrieren in den Gottesdiensten und Konzerten zu erleichtern, geschieht die Betätigung der Registerzüge auf elektrischem Wege. Eine zusätzlich eingebaute computergesteuerte Setzeranlage ermöglicht das Vorprogrammieren von Registerkombinationen. Die durch den Abbau der alten Orgel entstandene Lücke in der Emporenbrüstung wird wieder durch ein Rückpositiv geschlossen. Das gesamte Orgelwerk erhält ein in den Kirchenraum eingepasstes rundum geschlossenes Gehäuse. Dies dient nicht nur dem Schutz vor Verschmutzung, sondern vor allem der Verschmelzung der einzelnen Register untereinander und der zielgerichteten Abstrahlung des Klanges in den Kirchenraum.

Eine Besonderheit der neuen, von der Orgelbaufirma Key erbauten Orgel ist das kleine Echowerk, welches vom dritten Manual aus spielbar ist. Es ist mit seinen zwei zartintonierten Registern vor allem für das Continuospiel gedacht und soll dem angemessenen Begleiten von Soloinstrumenten oder Sängern dienen. Aber auch im Literaturspiel hat es seinen Platz. Die sanften Stimmen lassen das Werk im Raum indirekt erscheinen und eignen sich so hervorragend zur Darstellung von Echostellen. Durch dieses Kleinod erscheint ein aus finanziellen Gründen nicht machbares Schwellwerk entbehrlicher.

An der Disposition der neuen Orgel, der Zusammenstellung der einzelnen Klanfarben, fällt auf, dass die tiefen l6-Fuß- (Längenmaß, bei dem die tiefste Pfeife die Länge des Registers angibt) und 8-Fuß-Register besonders zahlreich vertreten sind. Insbesondere der offene „Principal 16x” im Pedal und der gedeckte „Bordun 16′” im Hauptwerk stellen das Instrument klanglich auf ein solides Fundament. Die Streicher „Gambe 8″” im Hauptwerk und „Salicional 8″” im Rückpositiv erweitern das barocke Klangspektrum und ermöglichen auch den Zugang zur romantischen Orgelliteratur. Der gut ausgebaute Zungenchor mit den zwei „Trompeten 8′” in Pedal und Hauptwerk, der „Posaune 16′” im Pedal sowie den beiden 8-Fuß-Zungen im Rückpositiv, „Dulcian” und „Krummhorn”, verleihen der Orgel die nötige Gravität. Neben den zweiunddreißig auf Hauptwerk, Rückpositiv, Echowerk und Pedal verteilten, klingenden Registern finden sich noch zwei kleine Spielereien, die früher in jeder größeren Barockorgel vorkamen, heute jedoch meist in Vergessenheit geraten sind: Zum einen ist dies der hoch oben im Hauptwerksgehäuse eingebaute “Cymbelstern” mit sechs bronzenen Schalenglocken. Zum anderen versteckt sich im Rückpositiv die “Nachtigall”, ein Register, dass einen Vogelgesang imitiert. Dieser entsteht dadurch, dass zwei kleine Orgelpfeifen kopfüber in ein mit Wasser gefülltes Gefäß hineinblasen.

Die neue Hey-Orgel ist ganz bewusst als ein Instrument für diesen Kirchenraum konzipiert worden. Sie muss nicht die gesamte Orgelliteratur bedienen können. Vielmehr soll sie mit dem ihr eigenen Charakter den auf ihr gespielten Werken eine besondere Färbung verleihen. Aus diesem Grund wurde das Instrument auch nicht gleichschwebend gestimmt, sondern mit einer wohltemperierten Stimmung nach Kirnberger III versehen. Hierbei behält jede Tonart ihre eigene Charakteristik und trägt so zur besonderen Klangfarbenvielfalt des neuen Instrumentes bei.

Als Kantor der Christus-Kirchengemeinde bin ich froh und dankbar, an der Planung und Durchführung des Orgelneubaus mitgewirkt haben zu können. Mein besonderer Dank gilt vor allem dem Vorstand und den Mitgliedern des Orgelbauvereins, ohne deren Mithilfe dieses Projekt nie zustande gekommen wäre. Das Presbyterium hat mir in unserem Vorhaben volles Vertrauen entgegengebracht. Durch die hervorragende Zusammenarbeit mit den Orgelbaumeistern Herbert und Erhard Hey und deren Mitarbeitern ist nun ein wunderschönes Instrument entstanden.

Es war viel Arbeit, aber sie hat sich gelohnt!  ←zurück